

Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm
Komödie von Theresia Walser
Mit Peter Bause, Thomas Förster und Michael Mienert
Regie: Holger Böhme, Bühne: Carsten Nüssler
Drei Schauspieler warten auf ihren Auftritt in einer Talkshow. Weil der Moderator ausbleibt, geraten die grandiosen Selbstdarsteller in einen urkomischen Disput, in dem nicht nur gestritten, geprahlt, gehechelt und über Schauspieler hergezogen wird.
Witzig und höchst amüsant entwickelt sich ein Glaubenskrieg darüber, was auf der Bühne stattfinden darf und was nicht. Immerhin sind zwei durch ihre Darstellung als Hitler bekannt geworden: der berühmte Franz Prächtel (Peter Bause) und der bekannte Peter Söst (Thomas Förster). Der jüngere Kollege (Michael Mienert) hingegen hat nur den Goebbels gespielt. Über ihre Darstellungen in diesem sehr speziellen Rollenfach, wie es wohl sei, den berühmten Diktator zu mimen und wer denn nun der beste Hitler war, sollten sie Auskunft geben... Ob am Ende nur die Frage steht, über wen man denn jetzt eigentlich gelacht hatte: Die selbstverliebten Schauspieler? Die Nazis? Das Theater? Unsere Welt? sehen Sie lieber selbst!
Dresdner Neueste Nachrichten vom 14.02.2012
Premiere von Theresia Walsers "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" auf dem Theaterkahn
von Wieland Schwanebeck
Als der große Humorist Mel Brooks einmal einen Preis für sein Lebenswerk entgegennahm, bedankte er sich öffentlich auch bei Adolf Hitler - schließlich sei der auf der Bühne der größte Komödiant überhaupt gewesen. "Darf man das?" flüstert es da, auch wenn Brooks als Nachfahre galizischer Juden wohl kaum im Verdacht stehen dürfte, auf Kosten von Holocaust-Opfern zu scherzen. Unklar scheint, worin das größere Tabu besteht: über Witze mit (Hitler-)Bart zu lachen oder sich der Überlegung hinzugeben, die Führungsriege der Vernichtungsmaschinerie sei nur eine Reihe von Schmierenkomödianten gewesen? Darüber, ob man diese uniformierten Möchtegern-Schauspieler im Gegenzug wieder auf Bühne und Leinwand loslassen darf, wird mit jedem "Untergang" aufs Neue gestritten (der Film ist denn auch im Ausland weit angesehener als in Deutschland), so dass es nahelag, die Debatte selbst im Drama aufzuarbeiten.
Talkshow als Medienhölle
Theresia Walsers intelligente Komödie "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm", 2006 in Mannheim
uraufgeführt, hatte am Sonntag auf dem Theaterkahn Premiere und unterhielt glänzend, spielt
die Autorin doch gewitzt mit Theaterklischees und verbeugt sich u.a. vor Thomas Bernhard und Samuel
Beckett. Es ist nicht Godot, auf den die Schauspieler im Stück warten, sondern das Purgatorium
der Gegenwart - die Medienhölle. In einer Talkshow sollen die drei über Erfahrungen beim
Verkörpern von Hitler bzw. Goebbels berichten, beim Warten auf den Beginn werden Gegner taxiert
und vorsorglich die besten Sätze ausprobiert.
Der Älteste (von Peter Bause als Ebenbild des cholerischen Film-Hitlers von Bruno Ganz angelegt, inklusive Vernichtungsrhetorik und mit Guido-Knopp-Genauigkeit recherchierter Parkinson-Hand) ist ein unerträglicher Egomane, der nur Verwendung für Regisseure hat, solange sie seine Mitspieler davon abhalten, "ihre Rollen zu überschätzen", und der als Hitler sogar Autogramme verteilt. Ihm gegenüber sitzt ein junger Kollege (Michael Mienert) vom Provinztheater, der von der agitatorischen Macht der Bühne träumt und doch schon längst die Manierismen des Älteren adaptiert. Zwischen dem Schauspiel-Cäsar und seinem Brutus sitzt der von Thomas Förster souverän verkörperte, servile Marc-Anton-Verschnitt, der seine Solidaritäten am wackligen Talkshow-Tisch nach Wetterlage verteilt. In diesem Treffen der Schauspiel-Generationen gibt es große Momente, bedeutungsvolle Pausen und messerscharfe Pointen, ohne dass die Inszenierung von Holger Böhme dazu auf grelle Effekte zurückgreifen müsste.
Auf unsichereres Terrain bewegt sich dieses Fegefeuer der Eitel- und Bösartigkeiten gegen Ende, wenn sich die Satire zum Thema des zeitgenössischen Theaters selbst bewegt. Dass die Autorin zwei gegensätzliche Auffassungen - die vom älteren Schauspieler verkörperte, dem klassischen Text verpflichtete Deklamation und den Avantgarde-Gestus des Regietheaters - zur Karikatur verknappt gegeneinander gegenüberstellt, ist (zumal im Komödienkontext) fraglos legitim.
Falsch verstandene Polemik
Allerdings fällt Mienert dabei als jungem Wilden, der auf der Bühne am liebsten den Koran
anzünden möchte, die wesentlich undankbarere Rolle zu - als Bauses Monolog gegen die nackten
Hamlets und den Einsatz von Videos auf der Bühne Szenenapplaus und begeisterte "Jawoll!"-Rufe
erhält, zweifelt man ein wenig daran, ob die Botschaft wirklich ankommt. Wobei die fehlverstandene
Polemik letztlich nur die im Stück festgehaltenen Absurditäten fortschreibt, denn die reaktionär
anmutende Reaktion des Premierenpublikums heißt im Endeffekt Zustimmung für die werkgetreue
Klassikerinszenierung als sinnentleerte Deklamation ("Ach, wie schön..."), die ihre
Blütezeit - eben! - im Dritten Reich hatte. Allerdings schmälert das nicht die Wucht von
Walsers beeindruckendem Stück, das sich zu einem Spielplanfavoriten auf deutschen Bühnen
entwickelt. Die Darstellbarkeit des Nationalsozialismus in den Medien mag als Thema tagespolitischen
Diskussionen um Rechtsradikalismus gewichen sein, dennoch ist anerkennenswert, dass sich der Theaterkahn
mit seiner aktuellen Premiere in der Dresdner Gedenkwoche aus seiner Komfortzone der gelinden Humoreske
heraus bewegt und ein zeitgenössisches Stück mit Kanten anbietet - auch wenn dies mit dem
großen Peter Bause in der Hauptrolle gut abgesichert sein dürfte, der in der Rolle schon
in Hamburg Erfolge feierte und selbst sitzend eine Naturgewalt darstellt. Seine Memoiren hat Bause
letztes Jahr schon vorgelegt - ob Bruno Ganz ihn in der Filmversion spielen wird?
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